Positive psychische Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit psychischer Erkrankungen. Sie beschreibt auch, ob Menschen ihr Leben als sinnvoll erleben, sich selbst annehmen, tragfähige Beziehungen führen und ihren Alltag als selbstbestimmt gestalten können. Gerade weil Begriffe wie positive psychische Gesundheit, Flourishing und mentales Wohlbefinden in unterschiedlichen Fachdisziplinen nicht einheitlich verwendet werden, ist eine fachlich abgestimmte Begriffsbildung besonders relevant. Ohne gemeinsame Grundlage bleiben Forschungsergebnisse schwer vergleichbar und Interventionen sowie politische Maßnahmen nur eingeschränkt planbar.
Warum eine gemeinsame Sprache notwendig ist
In der Psychologie, Medizin, Gesundheitswissenschaft, Soziologie und Public-Health-Forschung werden teilweise ähnliche Konzepte mit unterschiedlichen Bezeichnungen beschrieben. Umgekehrt können gleiche Begriffe verschiedene Inhalte umfassen. Flourishing wird beispielsweise häufig als umfassendes Aufblühen verstanden, während mentales Wohlbefinden je nach Modell emotionale, psychologische oder soziale Aspekte betonen kann. Diese Vielfalt kann wissenschaftlich produktiv sein, erschwert jedoch die Messung und die Bewertung von Maßnahmen.
Eine uneinheitliche Terminologie hat praktische Folgen. Wenn Studien unterschiedliche Dimensionen erfassen, lassen sich ihre Ergebnisse nur bedingt zusammenführen. Auch bleibt unklar, ob eine Intervention tatsächlich positive psychische Gesundheit verbessert oder lediglich einen einzelnen Teilbereich wie Lebenszufriedenheit, soziale Verbundenheit oder Optimismus beeinflusst. Für die Gesundheitsförderung und politische Entscheidungsprozesse ist deshalb eine Taxonomie hilfreich, die zentrale Dimensionen ordnet, voneinander abgrenzt und in Beziehung zueinander setzt.
Die Kernbotschaft der im Fachjournal Nature Mental Health veröffentlichten Studie ist daher: Positive psychische Gesundheit benötigt eine interdisziplinär abgestimmte begriffliche und strukturelle Grundlage. Die vorläufige Taxonomie ist kein endgültiges Modell, bietet aber einen wichtigen Referenzrahmen für Forschung, Praxis und Politik.
Was die Delphi-Studie untersucht hat
Die Studie mit dem Titel beziehungsweise unter dem DOI-Link Nature-Artikel zur Taxonomie positiver psychischer Gesundheit nutzte die Delphi-Methode. Dieses Verfahren dient dazu, Einschätzungen von Expert:innen in mehreren aufeinanderfolgenden Befragungsrunden zu sammeln und schrittweise einen begründeten Konsens zu entwickeln. Die Teilnehmenden erhalten dabei Rückmeldungen zu den vorherigen Ergebnissen und können ihre Bewertungen im weiteren Verlauf überprüfen.
Einbezogen wurden 122 Expert:innen aus elf Fachdisziplinen, die für die Erforschung und Förderung positiver psychischer Gesundheit relevant sind. In der ersten Runde bewerteten sie 26 Dimensionen, die aus früheren Übersichtsarbeiten hervorgegangen waren. Entscheidend war dabei, ob diese Dimensionen für eine übergreifende Taxonomie geeignet und relevant erschienen. In den folgenden Runden wurden zusätzliche Vorschläge aus dem Kreis der Expert:innen aufgenommen und erneut beurteilt.
Darüber hinaus ging es nicht nur um die Frage, welche Dimensionen zur positiven psychischen Gesundheit gehören. Die Expert:innen bewerteten auch, ob einzelne Merkmale eher als Einflussfaktoren oder als Ergebnisse positiver psychischer Gesundheit zu verstehen sind. Diese Unterscheidung ist fachlich bedeutsam: So können soziale Beziehungen, Autonomie oder Sinn sowohl Bedingungen für Wohlbefinden als auch Bestandteile eines gelungenen psychischen Lebens sein. Eine Taxonomie muss diese Überschneidungen berücksichtigen, ohne die Begriffe beliebig werden zu lassen.
Die zentralen Dimensionen
Für 19 Dimensionen wurde ein Konsens von mindestens 75 Prozent hinsichtlich ihrer Aufnahme in die vorläufige Taxonomie erreicht. Bei sechs Dimensionen lag die Zustimmung sogar bei über 90 Prozent. Dazu gehörten:
- Sinn und Lebenszweck: das Erleben, dass das eigene Leben Bedeutung und Richtung besitzt.
- Lebenszufriedenheit: die übergreifende Bewertung des eigenen Lebens.
- Selbstakzeptanz: ein grundsätzlich annehmender und realistischer Umgang mit der eigenen Person.
- Verbundenheit: das Erleben tragfähiger Beziehungen und sozialer Zugehörigkeit.
- Autonomie: die Möglichkeit, das eigene Leben in Übereinstimmung mit persönlichen Werten und Entscheidungen zu gestalten.
- Glück: positive emotionale Erfahrungen und ein subjektives Erleben von Freude oder Wohlbefinden.
Die Auswahl macht zugleich deutlich, dass positive psychische Gesundheit mehrdimensional ist. Sie umfasst emotionale Zustände, Bewertungen des eigenen Lebens, persönliche Entwicklungsaspekte sowie soziale und existenzielle Erfahrungen. Damit steht sie in enger Beziehung zur Positiven Psychologie, die sich unter anderem mit Ressourcen, Stärken, Sinn, Beziehungen und Bedingungen gelingenden Lebens beschäftigt. Die Taxonomie ersetzt die verschiedenen Modelle der Positiven Psychologie nicht. Sie kann jedoch helfen, deren Gemeinsamkeiten sichtbarer zu machen und unterschiedliche Konzepte präziser einzuordnen.
Was die Taxonomie leisten kann – und was nicht
Die vorläufige Taxonomie schafft zunächst eine gemeinsame Gesprächs- und Forschungsgrundlage. Wissenschaftler:innen können transparenter angeben, welche Dimensionen sie untersuchen und wie diese voneinander unterschieden werden. Das erleichtert die Entwicklung und Auswahl von Messinstrumenten sowie den Vergleich von Studien. Auch in der Praxis kann eine klarere Sprache dazu beitragen, Ziele von Prävention, Gesundheitsförderung und psychosozialen Angeboten genauer zu formulieren.
Gleichzeitig sollte der Konsens nicht mit einem endgültigen Beweis gleichgesetzt werden. Eine Delphi-Studie bildet die Einschätzungen ausgewählter Expert:innen ab und entwickelt daraus eine begründete vorläufige Ordnung. Sie klärt nicht automatisch, wie stark die einzelnen Dimensionen zusammenhängen, wie sie sich im Lebensverlauf verändern oder welche Interventionen besonders wirksam sind. Ebenso bleibt die kulturelle und soziale Vielfalt bei der weiteren empirischen Prüfung zu berücksichtigen. Was als sinnvoll, autonom oder zufriedenstellend erlebt wird, kann von Lebensbedingungen, Werten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängen.
Für politische Maßnahmen ergibt sich daraus ein wichtiger Hinweis: Positive psychische Gesundheit sollte nicht auf individuelle Selbstoptimierung reduziert werden. Autonomie, Verbundenheit und Lebenszufriedenheit hängen auch von sozialen Beziehungen, Sicherheit, Teilhabe und gerechten Lebensbedingungen ab. Eine fachlich solide Taxonomie kann helfen, solche unterschiedlichen Ebenen gemeinsam zu betrachten, ersetzt aber keine gesellschaftliche Ursachenanalyse.
Bedeutung für den Alltag
Für den Alltag bedeutet die Studie vor allem, Wohlbefinden differenzierter zu betrachten. Es reicht nicht, nur nach guter Stimmung zu fragen. Ebenso wichtig können Fragen sein: Erlebe ich Sinn und Richtung? Kann ich mich selbst mit meinen Stärken und Grenzen annehmen? Habe ich Beziehungen, in denen ich mich zugehörig fühle? Kann ich Entscheidungen treffen, die meinen eigenen Werten entsprechen? Und wie zufrieden bin ich insgesamt mit meinem Leben?
Diese Perspektive lädt zu einer realistischen Form der Selbstreflexion ein. Positive psychische Gesundheit bedeutet nicht, ständig glücklich zu sein oder Belastungen zu vermeiden. Vielmehr geht es um ein mehrdimensionales Wohlbefinden, das auch in schwierigen Zeiten durch Sinn, Beziehungen, Selbstakzeptanz und Handlungsspielräume unterstützt werden kann. Die im Nature-Artikel vorgeschlagene Taxonomie bietet dafür eine gemeinsame fachliche Orientierung – mit dem Ziel, Forschung, Versorgung und Gesundheitsförderung verständlicher und besser vergleichbar zu machen.
Herzliche Grüße von Dominik