
Was passiert, wenn aus einer Schiffs-Metapher plötzlich Wirklichkeit wird? Astrid hat genau das erlebt. Ich kenne sie aus unserer Weiterbildung „Schulfach Glück“ in Hamburg. Ein Jahr lang haben wir uns gefragt, wie junge Menschen ihre Stärken entdecken und ihr Leben selbst gestalten können. Dabei begleitet uns immer wieder ein Bild: das Schiff.
Und Astrid hat dieses Bild kurzerhand Wirklichkeit werden lassen. (Video des Interviews siehe unten)
Auf die Weltmeere
Mit 26 Kindern und Jugendlichen aus Bremerhaven war sie auf einem großen Dreimaster unterwegs – 52 Menschen inklusive Unterstützer-Mannschaft an Bord. Viele kommen aus Familien, für die ein solcher Törn, oder überhaupt ein Urlaub, kaum möglich wäre.
Und plötzlich war vieles, worüber wir im Schulfach Glück sonst nur üben, Realität: Segel setzen, Verantwortung übernehmen, Angst aushalten, sich selbst etwas zutrauen. Und bei hohem Wellengang feststellen, dass auch der eigene Magen überraschende Entscheidungen trifft.
Vor allem aber entstand in kürzester Zeit das, was für Entwicklung entscheidend ist: Vertrauen.
Das Schiff wurde zur Übung
Die Reise stand unter dem Motto: Auf der Suche nach dem Nordstern – die Frage: Wo möchte ich eigentlich hin? Bei 13- bis 15-Jährigen muss es darauf noch keine fertige Antwort geben. Aber eine Richtung kann entstehen.
Astrid hatte die bekannten Methoden an Bord: Stärkenbaum, Werte, Emotionen, Ziele. Aber dann geschah etwas, das ich fast noch spannender finde: Für viele Übungen blieb kaum Zeit. Denn das Schiff selbst wurde zur Übung.
Die Jugendlichen zogen Taue, setzten Segel, schoben auch nachts Wachen. Und plötzlich wurde unmittelbar erfahrbar: Es macht einen Unterschied, was ich tue. Wenn ich meinen Teil nicht übernehme, betrifft das die anderen. Und wenn wir gemeinsam handeln, können wir etwas bewegen.
Zwei Zentimeter größer vom Schiff
Astrid formuliert das Ziel wunderbar: Die Jugendlichen sollten zwei Zentimeter größer vom Schiff herunterkommen. Nicht körperlich. Innerlich. Und einige, sagt sie, seien sogar fünf Zentimeter gewachsen.
Eine Geschichte hat mich besonders berührt. Ein 13-jähriges Mädchen kam an Bord und strahlte vor allem eines aus: Fass mich nicht an. Komm mir nicht zu nahe. Astrid suchte vorsichtig das Gespräch. Hinter der Abweisung steckte vor allem Angst – das Mädchen hatte früh schon viel Ablehnung erlebt. Die Distanz war kein Desinteresse. Sie war Schutz.
Und dann veränderte sich etwas. Im Laufe der Reise lernte das Mädchen die Abläufe, fand Kontakt zur Mannschaft und übernahm Verantwortung. Am Ende bot die Crew ihr an, bei künftigen Fahrten als Teamerin mitzukommen. Mit 13.
Das Mädchen, das anfangs niemanden an sich heranlassen wollte, verabschiedete sich mit Umarmungen. Und ging strahlend von Bord.
Selbstwirksamkeit muss erlebt werden
Solche Geschichten berühren mich. Aber sie zeigen auch etwas, das die Psychologie gut kennt: Bandura nennt Selbstwirksamkeit die Überzeugung, durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können. Die entsteht nicht mit dem Satz „Du schaffst das schon.“ Sondern durch eigenes Erleben: Ich habe etwas Schwieriges getan – und ich habe es geschafft. Ein Tau halten. Eine Nachtwache schaffen. Seekrankheit überstehen. Und irgendwann feststellen: Ich kann das.
Solche kleinen Erfahrungen verändern das Bild, das ein Mensch von sich hat.
Sicherheit, Freiheit, Sinn
Astrid erlebte auf dem Schiff immer wieder drei Dinge: Sicherheit, Sinn und Freiheit. Ich finde das spannend, weil es so gut zu Deci und Ryan passt. Die sagen: Drei Grundbedürfnisse machen Motivation aus – Autonomie, ich kann mitentscheiden; Kompetenz, ich erlebe, dass ich etwas kann; und soziale Eingebundenheit, ich gehöre dazu.
Auf dem Schiff kamen alle drei unmittelbar zusammen: Die Jugendlichen wurden gebraucht, durften Verantwortung übernehmen, gehörten zu einer Mannschaft. Und sie hatten die Freiheit zu sagen: Heute geht es mir nicht gut. Entwicklung braucht nicht nur Herausforderung. Sie braucht auch Sicherheit.
Manchmal braucht Lernen ein Schiff
Ein Satz von Astrid ist mir besonders hängen geblieben: Menschen sollen erleben, dass sie nicht alles erdulden müssen. Sie können selbst etwas verändern.
Im Schulfach Glück sprechen wir vom Weg vom Erdulder zum Gestalter. Nicht, dass wir alles kontrollieren können. Aber fast immer bleibt die Frage: Was kann ich innerhalb meiner Möglichkeiten tun? Aus „Ich bin dem ausgeliefert“ kann langsam werden: „Ich kann etwas tun.“ Und irgendwann: „Ich kann meinen Kurs verändern.“
Und was bedeutet das für uns? Natürlich können wir nicht mit jeder Klasse über die Nordsee segeln. Aber wir können fragen: Wie schaffen wir in Schule und Bildung mehr Erfahrungen, bei denen junge Menschen wirklich etwas bewirken? Nicht nur darüber sprechen. Sondern erleben.
Vielleicht braucht es dafür nicht immer ein Segelschiff. Aber es braucht Gelegenheiten, in denen junge Menschen erleben: Ich bin nicht nur Passagier*in meines Lebens. Ich kann lernen, selbst zu steuern.
Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Aufgaben von Bildung.
Glückliche Grüße
Dominik