Pausenlose Menschlichkeit?

Ein Tag mit einer Abteilungsleiterin – und was das für Führung bedeutet

Vor Kurzem durfte ich etwas, das nicht selbstverständlich ist: Ich habe eine Abteilungsleiterin an einer Hamburger Stadtteilschule einen ganzen Tag lang in ihrem Arbeitsalltag begleitet – zuständig für die Jahrgänge 9 und 10, mitten in einem der anspruchsvollsten Arbeitsfelder, die es gibt.

Ich wollte verstehen: Ich berate seit Jahren Schulleitungen. Aber wie sieht diese Führung im praktischen Schulalltag aus? Wofür wird die Zeit verwendet? Und was können wir daraus lernen – auch wenn wir selbst gar nicht in der Schule arbeiten?

Denn eines vorweg: Dieser Tag handelt nicht von Schule. Er handelt von Führung und Menschlichkeit.

Der Tag in Zahlen

Von 7:40 bis 16:00 Uhr habe ich mitgeschrieben, beobachtet und Notizen gemacht. Das Ergebnis hat mich ehrlich gesagt etwas überrascht:

TätigkeitsbereichAnteil des Tages
Persönliche Gespräche außerhalb der Sitzungenca. 24 %
Sitzungen mit dem Leitungsteamca. 18 %
Telefonatca. 2 %
Gesamt: Kommunikationrund 44 %

Hinzu kamen als weitere dokumentierte Tätigkeiten:

TätigkeitsbereichAnteil des Tages
Dokumentierte E-Mail-Bearbeitungca. 11 %
Arbeit mit dem Aufgaben-Tool des Teamsca. 5 %

Was ist mit den übrigen rund 40 Prozent? Ehrliche Antwort: Sie lassen sich aus meinen Notizen nicht sauber auflösen. Manche Tätigkeiten gingen ineinander über, manches lief parallel – und im Lauf des Nachmittags habe ich nicht mehr jede Tätigkeit einzeln erfasst. Dokumentiert ist also nur der Teil, der sich klar erkennen ließ.

Fast die Hälfte eines langen Arbeitstages bestand also aus Gesprächen, Sitzungen, Beratung und gemeinsamer Problemlösung – also aus Kommunikation im weiteren Sinne. Die E-Mail-Bearbeitung und die Arbeit mit dem Aufgaben-Tool des Teams kommen noch obendrauf.

Die viele Zeit mit Menschen war nicht unnötig oder störend. Kommunikation ist hier nicht die Unterbrechung der eigentlichen Arbeit. Sie ist die eigentliche Arbeit.

Führungskräfte-Forschung beschreibt genau das: Führen heißt zu großen Teilen, mit Menschen im Gespräch sein – Vertrauen aufbauen, Konflikte klären, Entscheidungen gemeinsam tragbar machen.² Die Studienlage zu Stress und Bewältigung zeigt außerdem: Ob eine Situation als Belastung erlebt wird, entscheidet sich weniger am Ereignis selbst als an seiner Bewertung – genau daran setzt gute Beratung und Führung an.¹

Was diesen Tag so bemerkenswert machte

Drei Dinge sind mir besonders im Gedächtnis geblieben.

Erstens: die schiere Vielfalt. Innerhalb weniger Stunden ging es um pädagogische Anliegen von Schüler:innen, Personalbeurteilungen, Konferenzorganisation, Kursplanung und unzählige kurzfristige Entscheidungen. Manche dieser Themen erfordern ein offenes Ohr, andere ein hartes Urteil – oft nur Minuten auseinander. Das ist mentale Hochseilarbeit, jeden Tag.

Zweitens: die Zugewandtheit. In einem Gespräch mit einem Schüler ging es nicht nur darum, ein Problem zu klären, sondern auch darum, die Beziehung zu diesem Jungen zu stärken und seine Motivation zu erhalten. Genau das ist für mich der Kern guter pädagogischer Führung: Menschen nicht nur verwalten, sondern sehen.

Drittens: die kaum vorhandenen Pausen. Hier wird es ernst. Ohne meinen Hinweis wären an diesem Tag vermutlich fünf Minuten Pause übrig geblieben. Fünf Minuten – an einem Tag mit rund neun Stunden Arbeit.

Pausen sind keine verlorene Arbeitszeit, sondern die Voraussetzung dafür, dass Aufmerksamkeit, Empathie und Urteilsvermögen über den ganzen Tag erhalten bleiben.³ Wer Führung ernst nimmt, muss auch Erholung ernst nehmen – als Organisationsfrage, nicht als Charakterfrage. Denn dass Pause davon abhängt, ob gerade zufällig niemand etwas braucht, ist auf Dauer keine gute Grundlage.

Die Lektion für uns alle

Vielleicht arbeitest du gar nicht an einer Schule. Aber ich bin sicher: Vieles davon kennst du.

  • Du erreichst deine Ziele über Menschen – und stehst deshalb ständig im Gespräch.
  • Du jonglierst sehr unterschiedliche Anliegen und musst dich immer wieder neu einstellen.
  • Deine Erreichbarkeit ist deine Stärke – und gleichzeitig deine größte Falle.
  • Und Pausen? Die gibt es, „wenn gerade Zeit ist”. Also: fast nie.

Hier ist mein Vorschlag als Einladung zum Nachdenken:

  1. Schütze eine Pause pro Tag wie einen wichtigen Termin. Wer verfügbar sein will, muss auch wieder auftanken können.
  2. Unterscheide dringend und wichtig: Nicht jedes Anliegen muss sofort geklärt werden – manche verdienen einen verabredeten Zeitpunkt.
  3. Verfolge eine typische Aufgabe einmal von Anfang bis Ende: Wo entsteht sie, wo landet sie, wo wird sie erledigt – und wo wird doppelt gearbeitet?
  4. Prüfe, ob sich davon etwas automatisieren oder delegieren lässt.

Die spannendere Frage lautet: Wo könnte dich deine Arbeitsumgebung besser unterstützen, damit du deine eigentliche Aufgabe machen kannst?

Ich bin mit großem Respekt aus diesem Tag gegangen – vor der Komplexität, die Menschen in Führungsverantwortung jeden Tag stemmen, und davor, wie viel Zuwendung dabei möglich ist, wenn die Rahmenbedingungen mitspielen.

Wie sieht das bei dir aus? Ich freue mich über deine Gedanken dazu – hinterlasse mir gern einen Kommentar oder schreib mir direkt.

Glückliche Grüße
Dein GlücksStifter Dominik


Quellen:

  1. Dallwitz-Wegner, D. (2016): Unternehmen positiv gestalten: Einstellungs- und Verhaltensänderung als Schlüssel zum Unternehmenserfolg. Wiesbaden: Springer Gabler. → Zum Buch bei Springer
  2. Eigene Erhebung: Beobachtungsprotokoll eines Begleittags (Oktober 2026).
  3. Lazarus, R. S. & Folkman, S. (1984): Stress, Appraisal, and Coping. New York: Springer.
  4. Mintzberg, H. (2013): Simply Managing: What Managers Do – and Can Do Better. San Francisco: Berrett-Koehler.

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