
(update 2026)
Daniel Kahneman ist am 27. März 2024 im Alter von 90 Jahren gestorben. Das hat mich berührt. Manchmal begleitet uns ein Mensch über seine Bücher viele Jahre – auch wenn wir ihm nie begegnet sind.
Sein Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ ist seit vielen Jahren die Grundlage meiner Arbeit in der Persönlichkeitsentwicklung. Und ich gebe zu: Es gibt nur wenige psychologische Bücher, bei denen ich so oft gedacht habe: Ja, genau! So machen wir das tatsächlich.
Wir denken nicht so vernünftig, wie wir glauben
Eine der großen Leistungen Kahnemans war es zu zeigen, wie sehr wir uns bei Entscheidungen von Abkürzungen, Intuitionen und ziemlich systematischen Denkfehlern leiten lassen.
Er beschreibt das mit zwei Denkarten: System 1 – schnell, automatisch, intuitiv. System 2 – langsamer, anstrengender, bewusster.
Ein einfaches Beispiel:
2 + 2? Die Antwort ist sofort da.
17 × 24? Da muss zumindest ich schon etwas nachdenken.
Natürlich sind das keine zwei kleinen Abteilungen im Gehirn. Es ist ein Modell. Aber ein hilfreiches. Denn viele unserer Urteile entstehen schnell und intuitiv – und erst danach erklären wir uns oft ziemlich überzeugend, warum unsere Entscheidung doch ausgesprochen vernünftig war.
Das zu wissen, macht uns übrigens nicht automatisch vernünftiger. Schade eigentlich.
Psychologie trifft Wirtschaft
Besonders spannend finde ich, dass Kahneman ursprünglich Psychologe war. Gemeinsam mit seinem Forschungspartner Amos Tversky untersuchte er, wie wir unter Unsicherheit entscheiden. Dabei zeigte sich: Wir sind eben nicht so rational, wie die Wirtschaftswissenschaft es lange angenommen hatte.
Der Verlust von 100 Euro beschäftigt uns stärker, als uns ein Gewinn von 100 Euro freut. Aus solchen Beobachtungen entwickelten die beiden 1979 die Prospect Theory – und 2002 erhielt Kahneman dafür den Wirtschaftsnobelpreis.
Tversky erlebte die Auszeichnung nicht mehr. Er war bereits 1996 gestorben. Kahneman hat immer wieder deutlich gemacht, wie eng ihre Arbeit miteinander verwoben war.
Und was hat das mit Glück zu tun?
Eine ganze Menge.
Kahneman beschäftigte sich auch mit der Frage, wie wir unser Leben erleben und wie wir es rückblickend bewerten. Und das ist erstaunlicherweise nicht dasselbe.
Wie glücklich war Dein letzter Urlaub?
Klingt einfach. Aber an welchen Moment erinnerst Du Dich? Vermutlich nicht an jeden einzelnen. Intensive Momente und das Ende eines Erlebnisses bleiben stärker hängen.
Das ist für die Glücksforschung enorm wichtig. Denn es macht einen Unterschied, ob wir fragen:
„Wie geht es Dir gerade?“
oder:
„Wie zufrieden bist Du insgesamt mit Deinem Leben?“
Kahneman hat entscheidend dazu beigetragen, solche Unterschiede genauer zu untersuchen.
Wissenschaft darf sich korrigieren
Und noch etwas finde ich an Kahneman bemerkenswert: Als Anfang der 2010er-Jahre Zweifel an der Reproduzierbarkeit einiger Priming-Studien aufkamen – die er selbst in seinem Buch aufgegriffen hatte –, rief er die Beteiligten ausdrücklich dazu auf, die Ergebnisse systematisch zu überprüfen.
Erkenntnisse ernst nehmen – und bereit sein, sie wieder infrage zu stellen. Auch das gehört für mich zu Wissenschaft.
Was bleibt?
Daniel Kahneman hat verändert, wie wir verstehen, wie Menschen urteilen und entscheiden.
Seine besondere Stärke liegt für mich aber noch anderswo: Er beschreibt komplizierte Erkenntnisse so, dass wir plötzlich anfangen, uns selbst zu beobachten.
- Warum entscheide ich gerade so?
- Warum ärgert mich ein Verlust so sehr?
- Und könnte es sein, dass meine erste, vollkommen überzeugende Einschätzung doch nicht ganz richtig ist?
Allein diese Fragen sind schon ziemlich wertvoll.
Danke dafür, Daniel Kahneman.
Nachdenkliche Grüße
Dominik Dallwitz-Wegner
Quellen und zum Weiterlesen
- Kahneman, D. & Tversky, A. (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica, 47(2), 263–292. https://doi.org/10.2307/1914185
- Kahneman, D. (2011): Thinking, Fast and Slow. New York: Farrar, Straus and Giroux.
- Kahneman, D. (2012): Schnelles Denken, langsames Denken. Aus dem amerikanischen Englisch von Thorsten Schmidt. München: Siedler Verlag.
- The Royal Swedish Academy of Sciences (2002): The Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel 2002 – Daniel Kahneman. NobelPrize.org.
- Kahneman-Treisman Center for Behavioral Science & Public Policy, Princeton University (2024): Daniel Kahneman, 1934–2024. 27. März 2024.
- Kahneman, D. (2012): A proposal to deal with questions about priming effects. Offener Brief/E-Mail vom 26. September 2012.